Ein Zollingerdach in Auerbach

Wohnhaus

Baujahr: 1926/27

Architekt: Karl Wilhelm Kohl

empfohlen von: Eva Bambach

Foto: Eva Bambach

In der Auerbacher Blücherstraße steht ein Haus mit einem ungewöhnlichen Dach. Es entstand zur „Bauhaus-Zeit“, ist aber mit seiner dekorativen Backsteinverzierung und den gerundeten Dachflächen Ausdruck eines ganz anderen Stilwollens.

Trotzdem hat das Haus viel mit dem Neuen Bauen der 1920er-Jahre in Deutschland zu tun und spiegelt wie dieses die Suche nach kostengünstigen Möglichkeiten Wohnraum zu schaffen.

Schon im Kaiserreich hatte man angesichts massenhafter Wohnungsnot die Notwendigkeit eines staatlichen Eingreifens in die Wohnungsbautätigkeit erkannt. Nach jahrelangem Ringen kam in den letzten Monaten des Ersten Weltkrieges ein entsprechendes Gesetz zustande, das auch die Tapferkeit der kämpfenden Soldaten mit dem Versprechen einer menschenwürdigen Wohnung stärken sollte. Gemeinnützige Baugesellschaften sollten finanziell gefördert werden und die Großstädte wurden zur Errichtung von Wohnungsämtern verpflichtet. Während der Nachkriegsinflation mussten dann viele Wohnungsbauunternehmen aufgeben, dafür wurden Wohnungsfürsorgegesellschaften gegründet, die auch auf eine qualitative Verbesserung der Neubauten hinwirken sollten. Es galt gleichzeitig, die Baukosten durch Großeinkauf und Massenherstellung zu senken und allgemein die Typisierung und Normierung voranzutreiben, die Betreuung der Bauprojekte zu übernehmen und die Finanzierung sicherzustellen. Ein Großteil der neuen Bauaufgaben wurde im Siedlungsbau gesehen, wie sie etwa in Frankfurt durch die von Stadtbaurat Ernst May initiierten, vom Neuen Bauen geprägten Siedlungen noch heute repräsentieren. Aber auch einzelne Wohnbauten wurden gefördert – und zu diesen gehörte das hier betrachtete Haus in der Blücherstraße in Auerbach.

Der Architekt war Karl Wilhelm Kohl, geboren 1896 in Goddelau und damals Geschäftsführer bei der Wohnungsfürsorge-Gesellschaft für Hessen, der auch für die Pläne vieler weiterer Häuser in Südhessen verantwortlich war, etwa in Arheilgen, Bürstadt oder Büdesheim. Aber auch in Bensheim gibt es noch mindestens zwei weitere von ihm geplante Häuser: in Auerbach in der Weinbergstraße und in Fehlheim. Bei diesen und fast allen anderen hat er ein traditionelles Sattel- oder Walmdach geplant. Nur im pfälzischen Dudenhofen gibt es zwei weitere Häuser, die Kohl 1926/27 mit Spitztonnendach, also „Zollingerdach“, entworfen hatte. Er experimentierte wohl damals mit dieser Dachform, ohne diesen Weg weiter zu verfolgen. In späteren Entwürfen setzt er wieder auf traditionelle Dachformen.

Dachstuhl eines Zollingerdachs in Wittenberge, Foto: Dennisgerloff, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Immerhin war das Zollingerdach eine ganz neue, erst 1923 patentierte Konstruktion. Entwickelt worden war sie von Friedrich Zollinger. 1880 in Wiesbaden geboren, hatte dieser an der Technischen Hochschule Darmstadt Architektur und Städtebau studiert. Sein Dach ist eine Holzkonstruktion aus vielen gleichartigen Holzelementen, die zu Rauten zusammengesetzt und miteinander verschraubt werden. Der Zusammenbau erfordert keine Fachkenntnisse und die Teile kommen vorfabriziert auf die Baustelle. Die Wölbung schafft viel lichten Raum, ohne dass Stützen benötigt werden. Außerdem sinkt der Holzbedarf insgesamt erheblich und es werden, anders als im traditionellen Dachbau, keine langen Bohlen benötigt.

Ob das Haus in der Auerbacher Blücherstraße eher dem Heimatschutzstil oder dem architektonischen Expressionismus zugerechnet werden kann, ist eine vielleicht müßige Überlegung. Sein Architekt Karl Wilhelm Kohl jedenfalls war zur Bauzeit schon ein überzeugter Nationalsozialist: 1922 in die SA eingetreten und in den Folgejahren mehrfach befördert, war er seit 1923 Mitglied der NSDAP.

Doch wurde das Zollingerdach auch von Protagonisten des Neuen Bauens wahrgenommen. Auch der Frankfurter Stadtbaurat Ernst May hatte sich mit dem Zollingerdach beschäftigt und es für eine seiner ersten experimentellen Wohnsiedlungen gleich mehrfach eingesetzt, nämlich für die zwischen 1919 und 1924 entworfene Siedlung in Breslau-Oltaschin. Später verwendete May die Dachform nicht mehr.